{"id":383,"date":"2013-08-13T16:36:34","date_gmt":"2013-08-13T14:36:34","guid":{"rendered":"http:\/\/delidi.heshmat.de\/?p=383"},"modified":"2017-03-16T18:51:30","modified_gmt":"2017-03-16T16:51:30","slug":"interview-mit-ingo-schulze-anlasslich-seiner-auszeichnung-mit-dem-manhae-literatur-preis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/delidi.heshmat.de\/?p=383","title":{"rendered":"Interview mit Ingo Schulze anl\u00e4sslich seiner Auszeichnung mit dem Manhae-Literatur-Preis"},"content":{"rendered":"<p><strong>DeLiDi<\/strong>: Sie haben hier in Korea am 11. August 2013 einen der drei Manhae-Preise in der Kategorie Literatur entgegen genommen. Dazu gratulieren wir Ihnen von ganzem Herzen. Was bedeutet der Manhae-Literatur-Preis f\u00fcr Sie als Schriftsteller?<\/p>\n<p><strong>Ingo Schulze<\/strong>: Ich freue mich sehr dar\u00fcber, gerade weil mir diese frohe Botschaft lange so unwirklich erschien. Jede und jeder braucht Anerkennung, dann arbeitet es sich leichter weiter. Der Preis hilft ganz praktisch im Alltagsleben. In gewisser Weise bedeutet er f\u00fcr mich auch geschenkte Zeit. Bei diesem Preis profitiere ich pers\u00f6nlich von der Wertsch\u00e4tzung der deutschen Literatur in Korea im allgemeinen. Einen Preis im Ausland zu bekommen hei\u00dft aber auch immer: ich verdanke ihn nicht nur denjenigen, die mich ausgew\u00e4hlt haben, sondern ich verdanke ihn besonders meiner \u00dcbersetzerin Seoni Noh, die vier B\u00fccher von mir ins Koreanische \u00fcbertragen hat, darunter auch \u201eNeue Leben\u201c. F\u00fcr mich grenzt es schon immer an ein Wunder, wenn man in einer anderen Sprache \u201everstanden\u201c wird.<\/p>\n<div id=\"attachment_388\" style=\"width: 426px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/delidi.heshmat.de\/wp-content\/uploads\/Ingo-Schulze-mit-Seo-und-Obermaier.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-388\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-388   \" title=\"Ingo Schulze im Kreise der DeLiDi-Gr\u00fcnder\" src=\"http:\/\/delidi.heshmat.de\/wp-content\/uploads\/Ingo-Schulze-mit-Seo-und-Obermaier.jpg\" alt=\"Ingo Schulze im Kreise der DeLiDi-Gr\u00fcnder\" width=\"416\" height=\"336\" srcset=\"http:\/\/delidi.heshmat.de\/wp-content\/uploads\/Ingo-Schulze-mit-Seo-und-Obermaier.jpg 416w, http:\/\/delidi.heshmat.de\/wp-content\/uploads\/Ingo-Schulze-mit-Seo-und-Obermaier-300x242.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 416px) 100vw, 416px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-388\" class=\"wp-caption-text\">Ingo Schulze im Kreise der DeLiDi-Gr\u00fcnder Prof. Dr. Seo Jang-Weon und Prof. Dr. Sabine Obermaier in der Festhalle in Inje<\/p><\/div>\n<p><strong>DeLiDi<\/strong>: In Ihrer Dankesrede deuteten Sie an, dass Sie sich im Vorfeld der Preisverleihung mit der Person Manhaes besch\u00e4ftigt haben. Was haben Sie aus Ihrer Besch\u00e4ftigung mit der Person Manhaes f\u00fcr Sie pers\u00f6nlich, das hei\u00dft auch f\u00fcr Sie als Schriftsteller, f\u00fcr Sie als politischer Mensch gewonnen?<\/p>\n<p><strong>Ingo Schulze<\/strong>: Es gibt ja leider nur sehr wenige Gedichte von ihm auf Deutsch. Die wenigen aber, die ich kenne, finde ich sehr gut. Ich w\u00fcrde gern mehr von ihm lesen, auch wenn es nichts schadet, diese wenigen immer wieder zu lesen. Da ist f\u00fcr die deutsche Sprache wirklich noch ein internationaler Klassiker zu entdecken. Was er in den Zwanziger Jahren schreibt, braucht keinen Vergleich zu scheuen. Dabei entgehen mir und wahrscheinlich den meisten deutschsprachigen Lesern wichtige Ebenen, die f\u00fcr diejenigen, die mit der Welt des Buddhismus vertraut sind, beim Lesen gegenw\u00e4rtig sind. Das Gute aber ist, man mu\u00df nichts davon wissen. Es funktioniert trotzdem. Hinzu kommt seine Bedeutung f\u00fcr die koreanische Literatur wie auch seine Vielseitigkeit. Seine Schriften zum Buddhismus, sein soziales Engagement und nicht zuletzt sein gewaltloser Widerstand gegen die japanische Besatzung machen alle Preistr\u00e4ger zu Kolleginnen und Kollegen von ihm, nicht nur die Schriftsteller.<\/p>\n<p><strong>DeLiDi<\/strong>: Was Koreanerinnen und Koreaner an Ihren Texten besonders interessiert, sind die Themen des \u201ageteilten Deutschlands\u2018 und der \u201aWiedervereinigung\u2018. Was l\u00e4sst sich Ihrer Meinung nach die Situation Koreas mit der Situation, wie wir sie in Deutschland hatten und haben, vergleichen? Wo sehen Sie Unterschiede?<\/p>\n<p><strong>Ingo Schulze<\/strong>: Ich f\u00e4nde es vermessen, wollte ich etwas zu dem Verh\u00e4ltnis zwischen S\u00fcd- und Nordkorea sagen. Meiner Ansicht nach gibt es da im Konkreten kaum Ber\u00fchrungspunkte zu den vergangenen deutschen Verh\u00e4ltnissen. In Korea ist die Trennung viel h\u00e4rter, sie ist eben auch aus einem B\u00fcrgerkrieg hervorgegangen. Man wei\u00df letztlich sehr viel weniger \u00fcbereinander, als es die Deutschen wussten, die ja doch auch den pers\u00f6nlichen Austausch in einem gewissen Umfang hatten. Dabei k\u00f6nnte es durchaus sein, dass sich die Lage im Norden ganz schnell \u00e4ndert und eine Situation wie am Ende der DDR entsteht. Im Fr\u00fchjahr 1989 hat ja auch kaum jemand an ein ungeteiltes Deutschland gedacht, ich zu allerletzt. Sollte so eine Situation eintreten, dann kann es nur Hilfe geben, eine Hilfe, die nicht an Bedingungen gekn\u00fcpft ist, bis auf jene, dass diese Hilfe ankommt. Dann sollte man zuh\u00f6ren und versuchen, Zeit zu gewinnen. Ich denke aber auch, dass politische Tabus in der s\u00fcdkoreanischen Gesellschaft schon jetzt aufgehoben werden k\u00f6nnen, ja unbedingt sollten. Es ist offenbar immer noch verboten, die n\u00f6rdlichen Radio- bzw. Fernsehprogramme zu sehen, was wohl auch technisch nicht m\u00f6glich ist. Aber auch in der eigenen Geschichte gibt es vieles, \u00fcber das nicht gesprochen wird. Daf\u00fcr die angemessenen Worte zu finden, w\u00e4re wohl die beste Vorbereitung auf eine Vereinigung, die nicht in einem Beitritt stecken bleibt.<\/p>\n<p><strong>DeLiDi<\/strong>: Hat Ihre Besch\u00e4ftigung mit der koreanischen Geschichte Ihren Blick auf die deutsch-deutsche Geschichte ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p><strong>Ingo Schulze<\/strong>: So schlimm es im Einzelfall immer gewesen ist, verglichen mit Korea hatten wir noch eine Art Luxus-Variante der Trennung. Die Familien, die vor sechzig Jahren in Korea auseinandergerissen worden sind, hatten ja nie wieder die Chance, einander zu schreiben, geschweige denn einander zu h\u00f6ren oder zu sehen. Wahrscheinlich war es nicht mal zu Stalins Zeiten so schlimm in der DDR, wie es jetzt noch in Nordkorea ist.<\/p>\n<p><strong>DeLiDi<\/strong>: Was hat Sie an Ihrem Aufenthalt in Korea am meisten beeindruckt?<\/p>\n<p><strong>Ingo Schulze<\/strong>: Ich genie\u00dfe die Freundlichkeit der Menschen und ihr Interesse. Das Essen ist wesentlich ges\u00fcnder als bei uns und ich mag es, wie man sich um seinen Tischnachbarn k\u00fcmmert. Und jeder Koreaner scheint sich nach dem Essen sofort die Z\u00e4hne zu putzen. Eine \u00f6ffentliche Toilette kann man \u00fcberall in der Stadt ohne Bedenken benutzen. Mir war auch lange Zeit nicht bewu\u00dft, was f\u00fcr eine enorm reiche und alte Kultur dieses Land hat. Wenn man ins Nationalmuseum geht \u2013 was man dort zu sehen bekommt, ist wirklich gro\u00dfartig. Blickt man heute \u00fcber Seoul, \u00fcber diese 22 Millionen Stadt, ist das ein Gef\u00fchl, als seien alle deutschen Gro\u00dfst\u00e4dte hier an einem Ort nach 1960 gebaut worden. Es ist schon enorm, was aus diesem armen kaputten Land in den letzten Jahrzehnten entstanden ist. Wof\u00fcr aber Europa letztlich zwei Jahrhunderte hatte, passiert hier in drei\u00dfig, vierzig Jahren. Die Ver\u00e4nderungen m\u00fcssen f\u00fcr den Einzelnen wie f\u00fcr die Gesellschaft radikal sein. Es hat diese Gesellschaft sehr schnell polarisiert in diejenigen, die viel haben und diejenigen, die kaum etwas ihr eigen nennen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>DeLiDi<\/strong>: Und wir sind nat\u00fcrlich neugierig: Werden Sie etwas, das Ihnen bei Ihrem Aufenthalt in Korea begegnet ist, literarisch verarbeiten?<\/p>\n<p><strong>Ingo Schulze<\/strong>: Da habe ich noch keine Antwort, so etwas braucht ja immer Zeit. Indirekt flie\u00dft immer etwas ein, weil jede Reise den eigenen Blick ver\u00e4ndert. Es ist ja immer der Moment der R\u00fcckkehr, wenn man pl\u00f6tzlich die Dinge doch etwas ver\u00e4ndert sieht. Aber wom\u00f6glich ergibt sich noch dar\u00fcber hinaus etwas.<\/p>\n<p><strong>DeLiDi<em><\/em><\/strong>: Herr Schulze, wir danken Ihnen ganz herzlich f\u00fcr dieses offene Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Fragen f\u00fcr <strong>DeLiDi<\/strong> stellte Frau Prof. Dr. Sabine Obermaier.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DeLiDi: Sie haben hier in Korea am 11. August 2013 einen der drei Manhae-Preise in der Kategorie Literatur entgegen genommen. Dazu gratulieren wir Ihnen von ganzem Herzen. Was bedeutet der Manhae-Literatur-Preis f\u00fcr Sie als Schriftsteller? Ingo Schulze: Ich freue mich sehr dar\u00fcber, gerade weil mir diese frohe Botschaft lange so unwirklich erschien. 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