{"id":225,"date":"2012-07-31T07:58:10","date_gmt":"2012-07-31T05:58:10","guid":{"rendered":"http:\/\/delidi.heshmat.de\/?p=225"},"modified":"2013-08-14T23:00:35","modified_gmt":"2013-08-14T21:00:35","slug":"zum-abschied-von-hans-sahl","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/delidi.heshmat.de\/?p=225","title":{"rendered":"Zum Abschied von Hans Sahl"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hans Sahl und seine Exillyrik<\/strong><\/p>\n<p>von Jang-Weon Seo<\/p>\n<p>Hans Sahl wurde 1902 in einer gro\u00dfb\u00fcrgerlichen verm\u00f6genden Familie j\u00fcdischer Herkunft in Dresden geboren. Sein Gro\u00dfvater war Direktor einer Brauerei gewesen und sein Vater war Fabrikant in Berlin. Ab 1907 verbrachte er seine Kindheit und Jugend in Berlin. Er studierte Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft in M\u00fcnchen, Leipzig, Berlin und Breslau und promovierte 1924 in Kunstgeschichte. Nach seinem Studium wurde er prominenter Literatur- und Theaterkritiker in Berlin. 1933 musste er Deutschland verlassen.<br \/>\nHans Sahl emigrierte erst \u00fcber Prag (1933) in die Schweiz (1934), nach Frankreich, dann \u00fcber Spanien und Portugal in die USA. In Frankreich beteiligte sich Sahl als Mitarbeiter am Tagebuch von Leopold Schwarzschild, einem Kampforgan des Widerstands. Er wurde 1939 in den Lagern Stade Colombe und Nervers in Frankreich als \u201efeindlicher Ausl\u00e4nder\u201c interniert. Er fl\u00fcchtete danach nach Marseilles. In Marseille geh\u00f6rte Sahl 1940 zu den Mitarbeitern Varian Freys, der dort im Auftrage des Emergency Rescue-Committees deutsche Fl\u00fcchtlinge nach Amerika brachte. 1941 entkam er in die USA. 1942 erschien sein Gedichtband Die hellen N\u00e4chte in New York, welcher seine Flucht aus Frankreich von 1940 bis 1941 behandelte.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Exil<\/strong><\/p>\n<p>Es ist so gar nichts mehr dazu zu sagen.<br \/>\nDer Staub verweht.<br \/>\nIch habe meinen Kragen hochgeschlagen.<br \/>\nEs ist schon sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Die Winde kreischt. Sie haben ihn begraben.<br \/>\nEs ist so gar nichts mehr dazu zu sagen.<br \/>\nZu sp\u00e4t.<\/p><\/blockquote>\n<p>Hans Sahl war j\u00fcdischer Deutscher, besa\u00df also eine doppelte Zugeh\u00f6rigkeit. Er hatte einmal in einem Brief sogar vorgebracht, dass \u201edie Deutschen die Juden und die Juden die Deutschen erfunden\u201c h\u00e4tten. Bis zu den Moskauer Prozessen bezeichnete er sich als Kommunist, danach wandte er sich davon ab, womit auch eine sp\u00e4tere R\u00fcckkehr in die DDR nicht in Frage kam. Hans Sahl war inzwischen ein amerikanischer B\u00fcrger geworden und er wurde in New York heimisch. Er lebte jedoch in New York unter schwierigsten Bedingungen und war vom Schicksal hart getroffen.<br \/>\nHans Sahl geh\u00f6rt zu jenen Emigranten, die nach dem Kriegsende eigentlich nicht nach Deutschland zur\u00fcckgekehrt sind. Erst sp\u00e4t ist er endg\u00fcltig nach Deutschland zur\u00fcck und ist dann auch hier gestorben. Das Ende des Krieges war f\u00fcr Sahl nicht das Ende der Emigration. Er war nach dem Zweiten Weltkrieg dreimal nach Deutschland zur\u00fcckgekehrt und ging zweimal nach New York zur\u00fcck. Seine erste R\u00fcckreise nach Deutschland trat Sahl 1949 an.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Das Land unter dem Mond<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke oft an ein Land unter dem Mond,<br \/>\nda sa\u00df man zu Tisch und schnitt das Brot,<br \/>\nund dann kam eine gro\u00dfe Hungersnot,<br \/>\nund der Mond ging unter und um ging der Tod.<\/p>\n<p>Erinnerungen an Erinnerungen schreiben sich schwer,<br \/>\nwie ich zu Deutschland stehe, ich wei\u00df es nicht mehr. . .<br \/>\nGras wuchert \u00fcber den Schienenspuren,<br \/>\ndie meine Br\u00fcder in die Vernichtung fuhren.<\/p>\n<p>Doch ich denke oft an das Land unter dem Mond,<br \/>\nwo ich einmal lebte und niemand mehr wohnt.<\/p><\/blockquote>\n<p>In einer Mondnacht kam Hans Sahl in Das Land unter dem Mond zur\u00fcck. Deutschland lag zu dieser Zeit in Sahls Auffassung \u201eunter dem Mond\u201c. Er befand sich in einer irrealen Welt. Sahl traf in seiner aufgesuchten Heimat Deutschland auf eine Art falsche Idylle. Es war, als ob kein Mensch sich nach Deutschland verirrt h\u00e4tte. Er f\u00fchlte sich entfremdet vom Heimatland. In der Realit\u00e4t kam er nach Deutschland zur\u00fcck, aber in das Land seiner Erinnerungen konnte Sahl nur in seinen Gedanken zur\u00fcckkehren<br \/>\nZum zweiten Mal kehrte er in den f\u00fcnfziger Jahren als Amerikaner mit einem Reisepass nach Deutschland zur\u00fcck. Nach einem mehrj\u00e4hrigen Aufenthalt im westlichen Deutschland ging er wieder in die USA zur\u00fcck. Sahl ist dann 1989 schlie\u00dflich fast \u201ezu sp\u00e4t\u201c nach Deutschland zur\u00fcckgekehrt und blieb bis zu seinem Tod 1993 in T\u00fcbingen.<br \/>\nHans Sahl kehrte als einer der Letzten und als Fragender nach Deutschland zur\u00fcck, der seine Zeitgenossen sowie Nachgeborenen als seine Gespr\u00e4chspartner nach L\u00f6sungen befragt. Er hatte somit etwas mitzuteilen \u00fcber den Zustand seiner Zeit und des Menschen, wie er ihn gesehen hat.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Die Letzten<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind die Letzten.<br \/>\nFragt uns aus.<br \/>\nWir sind zust\u00e4ndig.<br \/>\nWir tragen den Zettelkasten<br \/>\nmit den Steckbriefen unserer Freunde<br \/>\nwie einen Buchladen vor uns her.<br \/>\nForschungsinstitute bewerben sich<br \/>\num W\u00e4scherrechungen Verschollener,<br \/>\nMuseen bewahren die Stichworte unserer Agonie<br \/>\nwie Reliquien unter Glas auf.<br \/>\nWir, die wir unsere Zeit vertr\u00f6delten,<br \/>\naus begreiflichen Gr\u00fcnden,<br \/>\nsind zu Tr\u00f6dlern des Unbegreiflichen geworden.<br \/>\nUnser Schicksal steht unter Denkmalschutz.<br \/>\nUnser bester Kunde ist das<br \/>\nschlechte Gewissen der Nachwelt.<br \/>\nGreift zu, bedient euch.<br \/>\nWir sind die Letzten.<br \/>\nFragt uns aus.<br \/>\nWir sind zust\u00e4ndig.<\/p><\/blockquote>\n<p>In dieser \u00c4u\u00dferung handelt es sich um den dringlichen Aufruf dazu, sich f\u00fcr das allgemeine Schicksal der Exilautoren zu interessieren. Als einer unter Den Letzten versucht Sahl einen neuen Ansatz zur Erforschung des Exils zu geben, und so auch in methodologischen und themenorientierten Fallstudien neue theoretische Konzepte zu entwickeln.<br \/>\nAls einer unter Den Zust\u00e4ndigen wendet Sahl sich mit diesen Gedanken an Zeitgenossen; er fordert unter anderem die Exilforscher auf, sich mit seiner Lebensgeschichte und seinem literarischen Schaffen \u201eals Beispiel\u201c auseinanderzusetzen. Einer unter Den Wenigen wird zum Zust\u00e4ndigen f\u00fcr denjenigen, der sich nach der Exilliteratur erkundigt und seine Gespr\u00e4chspartner nach L\u00f6sungen befragt. Damit setzt Sahl als einer Der Tr\u00f6dler des Unbegreiflichen noch in seiner Lebenszeit ein Zeichen. Die Darstellung der Exilliteratur beginnt durch die Exilanten selbst, welche \u201eden Zettelkasten \/ mit den Steckbriefen [ihrer] Freunde \/ wie einen Buchladen vor [sich] her\u201c tragen. Durch \u201eMuseen\u201c und \u201eForschungsinstitute\u201c werden die Aufzeichnungen und Erinnerungen der Exilanten der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich gemacht, auch in dem Bewusstsein, das ein Interesse daran besteht. In seinem programmatischen Gedicht fordert Sahl seine Leser imperativisch ausdr\u00fccklich zu diesem Interesse auf.<br \/>\nSahl wollte stets die Geschichte und die Wirklichkeit kritisch beobachten und wach bleiben. Er gab somit die Hoffnung nicht auf und wartete auf eine Welt \u201eder Sauberkeit, der Ordnung, der Genauigkeit und der pr\u00e4zisen Verantwortung\u201c, die das Chaos abl\u00f6st. Nach seiner endg\u00fcltigen R\u00fcckkehr konnte Sahl sp\u00fcren, dass ihm in Deutschland mit wachsender Anerkennung begegnet wurde. Im M\u00e4rz 1993 schrieb Sahl sein letztes Gedicht:<\/p>\n<blockquote><p>Ich weiss, dass ich bald sterben werde<br \/>\nzu lange schon war ich auf dieser Welt zu Gast [&#8230;]<\/p>\n<p>Was bleibt von all dem, das ich tat und lebte?<br \/>\nNur eine Kleinigkeit: Ein Mensch fand statt. [&#8230;]<\/p>\n<p>Fast schon so alt wie dieses, mein Jahrhundert<br \/>\nder Flammenmeere, M\u00f6rder, Folterungen,<br \/>\nder Volksverderber und der Volksver\u00e4chter,<br \/>\ngeliebt, geha\u00dft, gef\u00fcrchtet und bewundert.<\/p>\n<p>[&#8230;]<br \/>\nIch weiss, dass ich bald sterben werde.<br \/>\nEin Gast nimmt leise seinen Hut und geht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Sahl nahm leise im April dieses Jahres in Deutschland seinen Hut und ging in eine andere Welt jenseits aller Ferne, als w\u00e4re er nie gefl\u00fcchtet und zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Sahl und seine Exillyrik von Jang-Weon Seo Hans Sahl wurde 1902 in einer gro\u00dfb\u00fcrgerlichen verm\u00f6genden Familie j\u00fcdischer Herkunft in Dresden geboren. Sein Gro\u00dfvater war Direktor einer Brauerei gewesen und sein Vater war Fabrikant in Berlin. Ab 1907 verbrachte er seine Kindheit und Jugend in Berlin. 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