{"id":112,"date":"2010-11-08T19:56:31","date_gmt":"2010-11-08T17:56:31","guid":{"rendered":"http:\/\/delidi.heshmat.de\/?p=112"},"modified":"2013-03-31T21:02:18","modified_gmt":"2013-03-31T19:02:18","slug":"mangelexemplar","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/delidi.heshmat.de\/?p=112","title":{"rendered":"&#8222;M\u00e4ngelexemplar&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>05.11.2010<\/p>\n<p>Vortrag und Diskussion mit Simon Wagensch\u00fctz, M.A. (Korea-University) \u00fcber<\/p>\n<p><strong>Sarah Kuttner: &#8222;M\u00e4ngelexemplar&#8220;.\u00a0 Fr\u00e4uleinwunder, neue Frauenliteratur oder einfach nur Generation Praktikum? <\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_137\" style=\"width: 350px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/delidi.heshmat.de\/wp-content\/uploads\/Kuttner-bearbeitet1.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-137\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-137\" title=\"Kuttner-bearbeitet\" src=\"http:\/\/delidi.heshmat.de\/wp-content\/uploads\/Kuttner-bearbeitet1.jpg\" alt=\"Simon Wagensch\u00fctz bei DeLiDi\" width=\"340\" height=\"336\" srcset=\"http:\/\/delidi.heshmat.de\/wp-content\/uploads\/Kuttner-bearbeitet1.jpg 340w, http:\/\/delidi.heshmat.de\/wp-content\/uploads\/Kuttner-bearbeitet1-300x296.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 340px) 100vw, 340px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-137\" class=\"wp-caption-text\">Simon Wagensch\u00fctz bei DeLiDi<\/p><\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>2008 erschien in Deutschland der Roman <em>Feuchtgebiete<\/em> der ehemaligen VIVA-Moderation Charlotte Roche, in dem Roche ausgiebig verschiedene Sexualpraktiken einer jungen Frau schildert. Der Roman l\u00f6ste eine breite Debatte in Deutschland aus. In den 1970er Jahren war Erica Jongs Roman <em>Angst vorm Fliegen<\/em> mit dem Aufkommen des Feminismus als genuiner Ausdruck weiblicher Subjektivit\u00e4t rezipiert worden und hatte den Grundstein f\u00fcr das Genre Frauenliteratur gelegt. Mehr als 30 Jahre sp\u00e4ter verstand man das Erscheinen von Roches Roman, als den Ausdruck einer neuen Generation von Frauen. Roche und andere Autorinnen wie beispielsweise Maria Sveland aus Schweden und Ragnhild Moe aus Norwegen verstanden sich aber nicht als Vertreterinnen des klassischen Feminismus, sondern als Repr\u00e4sentantinnen einer neuen Form des Feminismus. Manche Rezensenten gaben ihnen das Etikett \u201aPostfeministinnen\u2018. Andere sprachen aber auch von einem neuen \u201aFr\u00e4uleinwunder\u2018, ein Begriff, der Ende der 1990er Jahre vom Spiegel f\u00fcr eine Gruppe von jungen Autorinnen verwendet wurde, die damals ihre Deb\u00fcts ver\u00f6ffentlichten, der aber das erste Mal in den 1950er Jahren in den USA auftauchte und attraktive, selbstbewusste, moderne Frauen aus Deutschland meinte und f\u00fcr den das deutsche Mannequin Susanne Erichsen Modell gestanden hatte.<\/p>\n<p>2009 ver\u00f6ffentlichte Sarah Kuttner ihren Roman <em>M\u00e4ngelexemplar<\/em>. In seinem Mittelpunkt steht Karo Hermann, die beispielhaft f\u00fcr die Frauen der heutigen Generation stehen soll. So verwunderte es nicht, dass Sarah Kuttner sofort in eine Reihe mit Charlotte Roche gestellt wurde, um deren <em>Feuchtgebiete<\/em> die Debatten 2009 noch nicht verebbt waren. Dass die beiden in einen Topf geworfen wurden, mag seinen Grund aber insbesondere darin gehabt haben, dass die Lebensl\u00e4ufe der beiden gro\u00dfe \u00c4hnlichkeiten aufweisen. Beide begannen als Moderatorinnen f\u00fcr VIVA und gingen sp\u00e4ter unter die Schriftstellerinnen. Beide scheinen \u2013 Ursula M\u00e4rz zufolge \u2013 wie Hape Kerkeling, \u201ezu jenen Seiteneinsteigern des Buchmarkts [zu geh\u00f6ren], deren riesige Bucherfolge ganz offensichtlich von der Aura literarischer Amateurhaftigkeit profitieren\u201c und \u2013 so darf man wohl hinzuf\u00fcgen \u2013 von ihrer Popularit\u00e4t als Fernseh-Moderatoren. Und wie zuvor Charlotte Roche bekam auch Sarah Kuttner die Labels \u201aFr\u00e4uleinwunder\u2018 und \u201aneue Frauenliteratur\u2018 verpasst. Handelt es sich aber bei Kuttners Karo Herrmann um ein Fr\u00e4uleinwunder? Handelt es sich bei <em>M\u00e4ngelexemplar <\/em>um einen Text der neuen Frauenliteratur?<\/p>\n<p>Karo Herrmann ist Ende 20 und arbeitet als Eventmanagerin. Als sie Job und Freund verliert, rutscht sie in eine Depression. Wie Karo Herrmann diese Depression nun erlebt und wie sie wieder aus der Depression findet, ist das Thema von Kuttners Buch. W\u00e4hrend in Roches Roman die Sexualit\u00e4t der heutigen Frauengeneration im Mittelpunkt steht, ist es bei Kuttner die Depression (der heutigen durchflexibilisierten, globalisierten jungen Erwachsenen um Mitte 20). W\u00e4hrend Roche sich daf\u00fcr einsetzt, dass Frauen unbefangen ihre eigene Sexualit\u00e4t ausleben sollen, fordert Kuttner mit ihrem Roman ein Ende der Tabuisierung der \u201aVolkskrankheit\u2018 Depression. Doch mag <em>M\u00e4ngelexemplar<\/em> auch einen gewissen Anspruch f\u00fcr sich reklamieren, so gelingt es ihm kaum, diesen einzul\u00f6sen. Das liegt auch daran, dass das Buch mit seiner \u201ebizarren Cartoonsprache\u201c (Ursula M\u00e4rz), das Thema als seichte Kom\u00f6die mit Happy-End-Garantie pr\u00e4sentiert und sich dabei in einem \u201eJargon aufgekratzter Uneigentlichkeit\u201c (Ursula M\u00e4rz) verliert. Am Ende von Karo Herrmanns einj\u00e4hrigem Leidensweg ist alles gut: Sie arbeitet als Freelancer f\u00fcr ihren alten Arbeitgeber und hat wieder einen Freund. Man versteht als Leser am Ende der Lekt\u00fcre gar nicht, wo jetzt das eigentliche Problem war.<\/p>\n<p>Karo Herrmann ist weder ein Fr\u00e4uleinwunder noch eine Heroin einer neuen Frauenliteratur. Karo Herrmann ist mit ihrem Lebenslauf vielmehr eine typische Vertreterin der \u201eGeneration Praktikum\u201c (Matthias Stolz), der in Nikola Richters <em>Die Lebenspraktikanten<\/em> aus dem Jahr 2005 ein erstes literarisches Denkmal gesetzt wurde. Karo Hermann ist in der der Uneigentlichkeit der \u201afloundering period\u2018 stecken geblieben und hat sich zum Schluss von <em>M\u00e4ngelexemplar <\/em>darin eingerichtet, was sie auch noch als Erfolg versteht! Mit diesem Schluss aber gibt das Buch jeden emanzipatorischen Anspruch auf, weswegen man zu Recht vom \u201eTussen-Biedermeier\u201c (Arne Willander) sprechen kann. Nichts wird wirklich in Frage gestellt. An den Verh\u00e4ltnissen, deren Produkt und Opfer zugleich Karo Herrmann ist, wird nicht ger\u00fcttelt. Insofern k\u00f6nnte Kuttners <em>M\u00e4ngelexemplar<\/em> als ein \u201eSymbol f\u00fcr das Scheitern der Frau\u201c (Arne Willander \u00fcber die neue Frauenliteratur der Roches, Svelands und Moes) betrachtet werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Nachweis der in der Kurzfassung zitierten Texte:<\/em><\/p>\n<p><em>Ursula M\u00e4rz: Die Aufgekratzten. Link: http:\/\/www.zeit.de\/2009\/16\/Glosse-Literatur (zuletzt gesehen am 19.10.2010).<\/em><\/p>\n<p><em>Matthias Stolz: Generation Praktikum. Link: http:\/\/www.zeit.de\/2005\/14\/Titel_2fPraktikant_14 (zuletzt gesehen am 01.11.2010). <\/em><\/p>\n<p><em>Arne Willander: Sarah Kuttner sucht den Mann f\u00fcr L\u00f6ffelchen-Sex. Link: http:\/\/www.welt.de\/kultur\/article3518214\/Sarah-Kuttner-sucht-den-Mann-fuer-Loeffelchen-Sex.html (zuletzt gesehen am 19.10.2010). <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>05.11.2010 Vortrag und Diskussion mit Simon Wagensch\u00fctz, M.A. (Korea-University) \u00fcber Sarah Kuttner: &#8222;M\u00e4ngelexemplar&#8220;.\u00a0 Fr\u00e4uleinwunder, neue Frauenliteratur oder einfach nur Generation Praktikum?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/delidi.heshmat.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/112"}],"collection":[{"href":"http:\/\/delidi.heshmat.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/delidi.heshmat.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/delidi.heshmat.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/delidi.heshmat.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=112"}],"version-history":[{"count":28,"href":"http:\/\/delidi.heshmat.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/112\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":122,"href":"http:\/\/delidi.heshmat.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/112\/revisions\/122"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/delidi.heshmat.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=112"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/delidi.heshmat.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=112"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/delidi.heshmat.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=112"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}